Siebensachen

Ihr Lieben,

nach Nelson zurück zu kommen, war doch ein sehr seltsames Gefühl. Wunderschön auf der einen Seite — sich mal irgendwo hier einigermaßen auszukennen und nicht ständig mit nem Stadtplan oder ner Karte bewaffnet sein zu müssen… : -)
Doch all der ganze Herzschmerz war natürlich auch wieder äußerst gegenwärtig, aber das war ja klar.

Habe wieder in meinem vorherigen Hostel eingecheckt (dem Aurora Backpackers), und nach zwei Tagen habe ich sogar das Zimmer wiederbekommen, in dem ich davor war.
Alles, was einem irgenwie bekannt ist, ist hilfreich…

FeuerkünstlerDen zweiten Tag nach meiner Wiederkehr hatte ich mein Vorstellungsgespräch bei community art works, und das war wirklich sehr bezaubernd.

Das ist eine Institution, die von zwei Künstlern betrieben wird: Faye, eine siebenundsechzig Jahre alte, überwiegend rüstige, waldgeisterhafte Lady, Kostümbildnerin, die wundervolle Bühnenkostüme hergestellt hat und noch herstellt, und ihr Sohn Karl, ein phantastischer Feuer-Künstler , Jongleur, Masken- und Skulpturenbauer, der das alles auch sehr erfolgreich lehrt  und weitergibt. In ihrem wundervollen Atelier machen sie unter anderem täglich Kunst mit behinderten Menschen (sei es geistig, körperlich oder beides), und darin besteht auch genau unsere Schnittstelle. Dafür werden sie mehr schlecht als recht von der Stadt Nelson bezahlt, wie das bei sozialen Projekten häufig der Fall ist.

FeuerkünstlerFaye hat eine schlimme Schulter, weswegen es ihr schwer fällt, die Behindertenarbeit alleine zu bewerkstelligen. Karl ist mit seinen Auftritten so gefragt, dass er einfach viel unterwegs sein muss und seine Mutter daher oft nicht mehr ausreichend unterstützen kann. Daher die Überlegung, jemanden zusätzlich mit ins Boot zu holen.

Mein Lebenslauf und meine eher seltene Qualifikationskombination lösten Begeisterung aus, und auch ich war sofort begeistert.
Sie würden es großartig finden, mit mir zu arbeiten, sagte Faye. Es gäbe da nur ein kleines Problem: sie wüßten nicht recht, wie sie mich bezahlen können… : -(

Sie schlug vor, ich solle doch wann immer es passt einfach vorbeikommen, um den Betrieb – und vor allem die behinderten Menschen – kennen zu lernen und sie würde sich derweil Gedanken machen, wo man Geld für eine Stelle für mich auftreiben kann.

Gedenktafel in Nelson

Als sie hörte, dass ich im Aurora untergebracht bin, verfinsterte sich ihre Miene und sie deutete an, über dieses Hostel nichts Gutes gehört zu haben. Und ich muss tatsächlich sagen: seit meiner Rückkehr hatte sich da einiges sehr seltsam entwickelt…
Jetzt im Herbst, außerhalb der touristischen Hochsaison, nimmt Kevin, um seinen Aurora-Stall trotzdem voll zu bekommen, äußerst zwielichtige Gestalten als Gäste auf, und kostenloses Internet gab es auf einmal auch nicht mehr.

Karl hat mir vorgeschlagen, in das Haus eines ihrer Freunde umzuziehen, wo gerade ein Zimmer frei geworden war, für weniger Miete als im Hostel.

Das hab ich gleich am nächsten Tag gemacht.
Eine wunderschöne 20er Jahre Jugendstil-Villa mit einem alten Garten voller Fruchtbäume. Feigen, Äpfel, Zitronen, herrlich! Dazu ein kleiner Kräutergarten mit Salbei, Rosmarin, Minze, Zitronenengras etc..
Das Haus ist riesig, und so wohnen darin, wenn alle Zimmer belegt sind, zehn Leute.

Und da hängt er auch schon, der Haken. Für zehn Leute ein Kühlschrank und ein vier Flammen Herd, zwei Duschen : -( , drei Waschbecken.
Die Badewanne, die beim Besichtigungstermin mein Herz freudvoll hat hüpfen lassen, habe ich am ersten Tag gleich ausprobiert, natürlich nur halb voll. Ich wurde gleich abgewatscht. Da die Energiekosten durch zehn geteilt werden, sei Baden nicht erlaubt, wurde ich vom Besitzer Kerry belehrt.
Doch das allerschlimmste, und das war vorher leider auch nicht auszumachen: direkt neben mir ein Zimmer mit einer dreiköpfigen Boygroup zwischen achzehn und zwanzig, die aus Dänemark zum ‚chillen‘ nach NZ gekommen sind. Höchstwahrscheinlich haben die Eltern ihre gesamten Spareinlagen den „Kindern“ mitgegeben, damit sie bloß so lange wie möglich wegbleiben.
Gott sei Dank keine Frühaufsteher, plärrte ansonsten von 11.00 morgens bis 11.00 abends die Musikanlage, und zwar volle Möhre, und ein Joint jagte den nächsten.
Meine Bitte am ersten Tag, doch bitte auf Zimmerlautstärke einzupegeln, wurde exakt zwei Minuten befolgt und danach auf Maximum gedreht.
Da war es dann auch nur begrenzt schlimm, dass auch das Wifi, in der Miete inclusive, in meinem Zimmer nicht ging; ich hätte dort eh nix arbeiten können…
Und da man in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts auch keine Isolierungen für die Häuser (einfaches Holz) vorgesehen hatte, bin ich am nächsten Morgen als kleiner Eiszapfen aufgewacht…

Somit war sehr schnell klar: da kann ich auch nicht bleiben. Nach einer Woche Psychoterror konnte ich nicht mehr…

Villa in NelsonDas habe ich einer Frau mit dem lustigen Namen Kaiserine erzählt, die ich auf dem Bio-Wochenendmarkt kennengelernt hatte. Kaiserine stammt ursprünglich aus Samoa, ist genauso alt wie ich. Sie hat schon mal jahrelang in NZ gelebt, ist dann nach Deutschland gezogen, war mehrere Jahre in Berlin, in München, dann in Kiel, und ist vor sieben Monaten nach NZ zurückgekommen.
Sie bewohnt in einer anderen Villa, die gerade vom schottischen Besitzer aufwändig umgebaut und isoliert wird, ein Zimmer und und bot mir an, bis auf weiteres das Zimmer mit mir zu teilen.
Da der Besitzer einverstanden war, bin ich heute (07.04.) wieder mal umgezogen. Mal sehen, wie es mir mit dem Gemeinschaftszimmer ergehen wird…

GlenOstersamstag habe ich mich mit Glen getroffen. Ich hatte ihn per Mail informiert, dass ich wieder da bin und ihn um ein Treffen gebeten, um zu versuchen, eine normale Ebene wiederherzustellen. Ich wollte nicht bei einer zufälligen Begegnung das Gefühl haben müssen, unterm nächsten Teppich verschwinden zu wollen. Er hat eingewilligt.

Tja, wie ich feststellen musste, ist die Faszination ungebrochen. Ob das auch als Freundschaft geht, halte ich für nahezu ausgeschlossen, aber ich werde mein Möglichstes tun.
Jedenfalls sind mir drei Tonnen Last von den Schultern gefallen, und Lachen geht auch wieder, trotz aller anderen Unbill : -)

08.04.:
Meine erste Nacht mit Kaiserine im Gemeinschaftszimmer hat mir die sekündliche Anschaffung von Ohropax nahegelegt…
Der Raum ist um einiges wärmer als das Zimmer davor, obwohl es nur eine verglaste Veranda mit teilweise fehlenden Fenstern ist, aber eben auf der Sonnenseite.
Ansonsten haben wir es uns – den Umständen entsprechend – ganz gemütlich gemacht, was nicht so einfach war: Kaiserine hat ihren gesamten restlichen Besitz dabei. – Dagegen sind meine 30 Kilo wie Handgepäck.

Villa in NelsonWas meine Arbeitsmöglichkeit anbelangt, so hat sich doch recht schnell herauskristallisiert, dass Faye und Karl damit gerechnet haben, dass ich mich bei ihnen auf unbestimmte Zeit ehrenamtlich engagiere, wenn man mir nur eine Stelle irgendwann in Aussicht stellt. Ehrenamt wird in NZ groß geschrieben…
Ich bin zwar jeden Tag hingegangen, habe aber meine eigenen Sachen gemacht (z.B. im Internet nach bezahlter Arbeit suchen) und mich nur so plaziert, dass die Anwesenden sich an mich gewöhnen konnten, habe mich mit jedem von ihnen unterhalten, mich jedoch in die Arbeit selbst nicht eingemischt.
Faye wurde von Tag zu Tag frostiger.
Nun nach der Osterpause habe ich mir ein Herz gefasst, bin ins Atelier gegangen und habe Faye um ein offenes Gespräch gebeten.
Ziemlich unumwunden hat sie sofort zugegeben, was ich mir längst gedacht habe, dass es von Anfang an klar war, dass sie mich niemals würden regulär bezahlen können und sie auf meine kostenlose Unterstützung gehofft hat, sie wollen das Atelier im Winter sowieso endgültig aufgeben.
Sie könne sich auch nicht vorstellen, dass es jemand anderes in Nelson gibt, der mich meiner Qualifikation entsprechend bezahlen könnte, doch wenn sie was hören sollte, würde sie sich melden. Das war das mit der Arbeitsstelle.

Da ist es nur gut, dass Duncan, mein neuer Landlord, gesagt hat, er will keine Miete haben, weil das Haus eine Baustelle ist… Nur leider ist die Nacht dort um 7.30 Uhr vorbei. Dann übernehmen Kreissäge, elektrischer Hobel, alle Arten von Hämmern, die Bauarbeiter und das Baustellenradio die Regie.

Jetzt habe ich quasi zwei neue zu Hause: nachts Shelbourne ST, und tagsüber seit heute die öffentliche Bibliothek Nelson…
Denn wo geht man hin, wenn man in Not ist? Das habe ich ja schon ganz zu Anfang in Auckland gelernt. Wenn das hier so weitergeht, werde ich wohl schneller wieder dort sein als gedacht…

Glen geht übrigens auch nach Auckland. Er hat dort zum 1.05.15 eine neue leitende Stelle an der gleichen Universität, für die er bislang hier in Nelson arbeitet.

Alles Liebe, bis zum nächsten Mal,

*Antje

4 Kommentare zu “Siebensachen

  1. Hallo Liebes,

    Habe erst heute gesehen, dass es was neues gibt. War auch mal die 66 in gearth besichtigen. Alees schön lauschig, auf den ersten Blick. Und der Teufel liegt, wie man liest, im Detail. Diesmal gar keine Bilder :(.
    Halt die Ohren steif. Bis bald;)

  2. Liebe Antje,
    ich grüße dich aus der Tanzgruppe, die zurzeit etwas auseinanderfleddert. Ich bin aber tapfer dabei, muss ich auch, denn der Todestag meiner Schwester naht und ich bin oft voll von Sehnsucht und Schmerz. Was soll man dagegen tun….Loslassen beginnt mit der Bewegung…
    Ende Mai fahre ich mit Kudret und einer kleinen Gruppe in die Türkei. Dort wird dann jeden Morgen getanzt. Ich freue mich schon sehr darauf. Dir drücke ich weiterhin die Daumen, dass du es gut hast.
    Sei lieb gegrüßt und umarmt von Gerda aus Berlin

  3. Liebe Antje
    Es ist immer wieder schön und spannend, von dir und deinem mutigen Abenteuer zu lesen! Vier Monate, eine lange Zeit nun schon und doch so schnell vorüber…
    Bin schon gespannt, was du von deiner neuen Bleibe berichten wirst. Ich drück dir sämtliche Daumen, dass es nun ein Ort zum Ankommen ist…
    big hug, Joachim

  4. Hallo Antje
    Viele liebe Grüße und Wünsche zu deinem Geburtstag gestern senden dir
    aus Berlin ans Ende der Welt Harald und Lena.
    Wir hoffen bald mal wieder was zu hören von dir!

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